Bretagne und die Normandie

Wie
alles begann: Eine Schulung, die ursprünglich in der Stadt der Liebe
stattfinden sollte, wurde in's aufregende Bad Homburg verlegt. Eine nette
Kollegin wollte mich aufmuntern und riet mir im Urlaub nach Paris zu fahren.
Urlaub heißt für mich seit ein paar Jahren mindestens einmal
im Jahr Motorradfahren und so war das Ziel der diesjährigen Tour fast
gewählt. Da Mopped-Treiber ein geselliges Volk sind, lud ich einen
Kollegen ein mich zu begleiten. Der meinte jedoch, Paris sei auch nur eine
große Stadt und davon hätten wir genug zu Hause. Stattdessen
wolle er lieber die bretonische Felsküste und ihre zahlreichen Leuchttürme
sehen.
So führte uns die Tour von
Mulhouse durch das französische Hinterland in die Bretagne. Dort geht
es an der malerischen, wilden Küste entlang zur Normandie. Auf dem
Rückweg mieden wir erneut Paris und wählten einen Rückweg
durch Belgien und Luxembourg.
Quartiere haben wir nicht vorgebucht.
Zwei preiswerte Einzelzimmer fanden sich (fast) immer auf Anhieb, obwohl
wir Ende Juli mitten in der französischen Haupt-Feriensaison unterwegs
waren.
Mit dem Mopped fährt man am
besten auf den Routes Nationales, die etwa unseren Bundesstraßen
entsprechen. Da die meisten Franzosen auf den Schnellstraßen unterwegs
sind, hat man die Straßen fast für sich allein.
Es empfiehlt sich Frankreich nicht
ohne minimale Sprachkenntnisse zu bereisen. Die Franzosen tolerierten meine
anfangs noch peinliche Vorstellung. Der Versuch wurde wohlwollend zur Kenntnis
genommen und wer guten Willen zeigt, darf in ausweglosen Fällen auch
mal Englisch sprechen - und im Elsaß sogar Deutsch.
Reisezeit: 12 Tage, Mitte bis Ende
Juli 2001
Strecke in Frankreich: ca. 2.700
km
Anfahrt
Thüringen
und Franken
Route: Berlin - Triptis - Saalfeld - Eisfeld -
Hildburghausen - Bad Königshofen - Schweinfurt - Eßleben (ca.
450 km)
Da wir die Umgebung von Berlin oft genug an 'normalen'
Wochenenden unter die Räder nehmen und es obendrein zu regnen beginnt,
entscheiden wir uns zunächst der A9 bis Triptis zu folgen. Kaum verlassen
wir die Autobahn, bricht auch schon die Sonne durch die Wolken. Die Wolken
machen zwar wieder dicht, aber sie haben ihr Wasser für den Tag abgeschlagen.
Durch Thüringen geht es nach Franken. Unser erstes Quartier nehmen
wir in Eßleben etwas südwestlich von Schweinfurt.
Schwaben und Schwarzwald
Route:
Eßleben - Würzburg - Tauber-Bischofsheim
- Neckarelz - Bad Wimpfen - Furfeld - Schwaigern - Bretten - Pforzheim
- Bad Herrenalb - Baden-Baden - Vorderseebach (ca. 340 km)
Am nächsten Morgen regnet es zunächst.
Unser nächstes Ziel ist der Schwarzwald. Die Schwarzwald-Hochstraße
wollen wir gern noch mitnehmen. Auf dem Weg dorthin sind mittags natürlich
Käsespätzle angesagt. Wir sitzen eine Stunde warm und trocken
und entscheiden dann, dass längeres Warten wohl auch nicht weniger
Regen bedeuten wird. Also Augen zu und durch! Den Kauf der Heizgriffe bereue
ich nicht.
Ab Pforzheim ist der Landregen vergessen. Jetzt
schüttet es nämlich aus Eimern. Die Hochstraße gehen wir
aber noch an. Etwas abseits von der Schwarzwald-Hochstraße übernachtet
man gut in der Pension Schneider in Vorderseebach (OT Wildenberg), deren
Wirt selbst gern auf zwei Rädern führe, wenn seine holde Gattin
es ihm denn erlaubte. Im Heizungskeller des hauseigenen Hallenbads dürfen
wir unsere gut durchgeweichten Klamotten trocknen lassen.
Mulhouse
Route: Voderseebach - Bad Peterstal - Zell am
Harmersbach - Lahr/Schwarzwald - Kappel am Rhein - Rhinau - Vogelsheim
- Ensisheim - Mulhouse (ca. 160 km)
Der Schwarzwald liegt in dichtem Nebel. Die Hochstraße
mit 50 Sachen entlangzuschwuchteln ist natürlich nicht sehr erbaulich,
aber erforderlich, da etliche Bürgerkäfige ohne Nebelschlusslicht
unterwegs sind. Den Höhenlagen entronnen wird es aber endlich sonnig.
Die Rheinfähre Kappel-Grafenhausen/Rhinau ist kostenlos. In Richtung
Süden führt eine Allee am Rhein entlang, die eine Ahnung von
dem größten Problem französischer Landstraßen vermittelt:
Kurven sind ihnen mitunter fremd! Dafür ist der Belag, insbesondere
verglichen mit deutschen Straßen, in exzellentem Zustand.
In Frankreich treffen wir Orte, in denen die
zulässige Höchstgeschwindigkeit auf 45 km/h begrenzt ist und
sich ein Zebrastreifen an den nächsten reiht. Fußgänger
sehen wir aber nicht. Das mit der Höchstgeschwindigkeit lässt
sich beliebig deuten. Von dem Ortseingang in der Bretagne, der das Ortseingangsschild
mit den Zeichen "60 km/h" und "Verkehrsberuhigte Zone" paart, habe
ich leider kein Foto gemacht. Zum Verhältnis der Franzosen zum Straßenverkehr
später mehr...
In Mulhouse sollte man keinesfalls das Musée
Nationale de l'Automobile (die Collection Schlumpf) auslassen. Die Brüder
Schlumpf brachten das Familienvermögen mit ihrer Auto-Sammel-Leidenschaft
durch. Der französische Staat kaufte die Konkursmasse und machte ein
öffentliches Museum daraus. Neben wunderschönen Oldtimern finden
sich auch Formel 1-Renner und interessante Studien. Für den Besuch
sollte mindestens ein halber Tag (4h) eingeplant werden. Übrigens:
In allen französischen Museen, die wir besuchten, war das Fotografieren
nicht nur gestattet, sondern kostenlos.
Wie jede größere Stadt bietet Mulhouse
nette Straßencafés und Einkaufsmöglichkeiten.
Wer ein Croissant mit Marmelade und ein Kännchen
Kaffee für ca. 5,- € nicht gerade für ein Schnäppchen
hält, sollte auf das Frühstück, dass im Zimmerpreis i. A.
nicht enthalten ist, getrost verzichten. In einem Bistro erhält man
für weniger Geld ein ordentliches Baguette (Sandwiche) mit Käse
oder Wurst und Tee bzw. Kaffee satt.
Vogesen
Route: Mulhouse - Heimsbrunn - Masevaux - über
den Ballon d'Alsace nach Saint-Maurice-Sur-Moselle - Le Thillot - in Servance
auf die "Route de Mille Étangs" - Beulotte Saint-Lorent - Faucogney-Et-La-Mer
- Luxeuil-Les-Bains (ca. 140 km).
Sobald Mulhouse hinter uns liegt, merken wir,
dass das französische Hinterland touristisch eher wenig erschlossen
ist. Restaurants, die ein Mittagessen anbieten, fanden wir jedenfalls außerhalb
größerer Ortschaften nicht.
Die Entschädigung ist die Straße von
Sewen nach Saint-Maurice-Sur-Moselle über den Ballon d'Alsace. Die
Vogesen sind der Zwilling des Schwarzwaldes und machen mindestens genausoviel
Spaß.
In Le Thillot verfahren wir uns und finden uns
versehentlich auf der Straße nach Melisey wieder. Was für ein
Glück, dass so etwas selbst mit GPS-Unterstützung möglich
ist! So entdecken wir in Servance die "Route des Milles Étangs"
(Straße der tausend Teiche), ein Single-Track, der teilweise nur
geschottert ist und durch eine wunderschöne Wald- und Heidelandschaft
führt. An ihrem Ende taucht am Ortseingang von Faucogney-Et-La-Mer
plötzlich "La Petite Rochette" auf - ein pittoresk gestaltetes Landhaus,
das stellenweise schon ins Kitschige abgleitet. Ein Sparschwein fordert
keck zu einer Abgabe "pour les photos" auf. Ist uns ein Vergnügen.
Die Straße in Richtung Luxeuil-Les-Bains
führt durch eine arme Landschaft. Gedanken an das Beitrittsgebiet
Mitte der Achtziger stellen sich ein. Luxeuil selbst ist ein alter Badeort,
der seine besten Tage hinter sich hat. Das Spielkasino, der Kurpark und
die malerische Altstadt haben überlebt, aber da die Erfindung des
zweiten Gangs an der Landjugend spurlos vorübergegangen ist, stellt
sich keine heilsame Ruhe ein.
Wenn schon keine Ruhe, dann ein gepflegter Plausch
- wir haben den Elsaß zwar schon hinter uns, aber auch hier findet
sich ein Gastwirt, der zum Guinness deutsche Konversation anbietet.
Champagne
Route: Luxeuil-Les-Bains - Conflans-Sur-Lanterne
- Combeaufontaine - Langres - Recey-Sur-Ource - Chatillon-Sur-Seine - Laignes
- Chablis - Auxerres - Toucy - Joigny (ca. 300 km)
Wer von deutschen Weinanbaugebieten touristische
Attraktionen gewohnt ist, wird von der Champagne herbe enttäuscht.
Um es kurz zu machen: Die Gegend ist recht öde. Naturbelassen, um
es positiv auszudrücken. Wer sich wenigstens ein bisschen Fahrspaß
gönnen will, sollte die Routes Nationales unbedingt meiden, es sein
denn er ist auf einem Eisenschwein aus Milwaukee unterwegs. Kurven und
Landschaft gibt's jedenfalls woanders.
Unterwegs
lockt uns ein Wegweiser von der Route Nationale zu einem Renaissance-Schloss.
Alles was wir jedoch finden ist ein Bauernhof, der vermutlich seit der
Renaissance nicht mehr renoviert wurde. Außerdem kommen wir durch
den Ort Cruzy-Le-Chateau, der ebenfalls den Eindruck macht, dass er sich
seit Jahrhunderten nicht verändert hat. Der Anblick macht den Abstecher
lohnend.
Am beabsichtigten Ziel der Etappe Toucy finden
wir zwei Hotels. Das eine sieht aus als wäre es seit zwei Jahren nicht
mehr bewirtschaftet worden. Das andere auch, aber immerhin klebt ein Zettel
im Fenster: "Bin um 18:00 Uhr zurück". Da nicht dabei steht in welchem
Jahr, besorgen wir uns bei der Tourist Information (an jedem Ort ein guter
Tipp) ein Hotelverzeichnis der Gegend und fahren weiter in Richtung Joigny.
Auf dem Weg finden wir drei Herbergen, die alle mittwochs geschlossen sind
(natürlich ist Mittwoch). In Joigny verbringen wir im örtlichen
"Best Western" zwar die teuerste Nacht der Reise, werden aber mit einem
ausgezeichneten Fünf-Gänge-Menü entschädigt.
Westward
Ho!
Route: Joigny - Montargis - Bellegarde - Chateauneuf-Sur-Loire
- Orleans - Moree - Saint-Calais - Le Mans - Laval - Luvigne-de-Bais -
Janzé (ca. 400 km)
Von der Landschaft enttäuscht und vom einsetzenden
Regen getrieben wollen wir nun so bald wie möglich nach Westen. Ohne
groß nach links oder rechts zu schauen überwinden wir die schnurgeraden
Landstraßen in Richtung Bretagne, die wir am Abend des 4. Tages erreichen.
Bei Janzé findet sich die größte
Dolmenanlage in Frankreich. Die steinzeitliche Kultstätte ist unter
anderem Ort diverser Open-Air-Konzerte und eines Biker-Treffens Ende August.
Wir genießen stattdessen die Ruhe des Juli und wollen auch die vier
Wochen nicht abwarten.
Morbihan
Route: Janzé - Bain-de-Bretagne - Rochefort-En-Terre
- Vannes - Hennebont - Lorient - Larmor Plage - Kerroc'h - Pont Aven -
Trégunc (ca. 280 km)
An der Straße zur Küste liegt der
malerische Ort Rochefort-En-Terre mit einer wunderschön gestalteten
Altstadt und dem Bistro St. Michel, das uns zum Frühstück einlädt.
Das schlechte Wetter der letzten Tage ist vorerst vergessen.
Da mein Reittier dringend Öl benötigt,
nehmen wir uns leider nicht die Zeit, den Hafen von von Vannes angemessen
zu würdigen. Na ja, so bleibt ein Grund zurückzukehren.
Entlang gemütlicher Landstraßen ging
es weiter nach Hennebont, das, wie alle Orte mit mehr als fünf Einwohnern,
mit einer prächtigen Kathedrale aufwartet.
Hinter Lorient erwartet uns der Atlantik. Endlich
Seeluft! Die Küste ist von fjordartigen Flussmündungen durchzogen.
An der Laïta gibt es Wanderwege und ein Ausflugscafé. Ein Kännchen
Kaffee und ein Eis sind das Richtige gegen Ende eines schönen Tages.
Inzwischen ziehen Wolken auf und wir haben noch
kein Quartier. In Trégunc verhilft uns wieder mal die Tourist Information
zu zwei einfachen Zimmern (Dusche auf dem Gang).
Crèpes sind eine Erfindung der Bretonen.
Die bretonischen Crèpes unterscheiden sich allerdings von denen,
die wir vom Rummelplatz kennen - sie sind dünn und knusperig. Ich
gönne mir ein Crèpes-Menü: Einer Fischsuppe folgt ein
Crèpe mit Schinken und Ei, ein Crèpe mit Käse bildet
den Käsegang und eines mit Marmelade den süßen Abschluss.
Tres Schleck!
Quimper
Route: Trégunc, Concarneau, Rospoden, Quimper
(ca. 40 km)
Der nächste Morgen liegt im dichten Nebel.
"Na wenigstens regnet es nicht" hätte ich besser nicht laut ausgesprochen.
Kurz nach dem Aufbruch setzt heftiger Nieselregen ein, der Geschwindigkeiten
über 50 km/h fast unmöglich macht. So ungefähr muss auch
Sandsturm in der Sahara funktionieren. Das Wasser dringt in jede noch so
kleine Ritze. Gottlob halten die Koffer (BMW bzw. H&B) dicht, aber
alles was wir am Leibe tragen trieft, als wir Quimper erreichen.
Dort ein Quartier zu erhalten ist besonders schwierig,
denn es ist das Wochenende des "Festival de Cornouaille", einem keltischen
Musik- und Kulturfest. Barden aus ganz Europa sind angereist und die Musik
vom Kirchplatz wird über Lautsprecher in alle Gassen übertragen.
Für mich endlich mal ein Tag zum Postkarten schreiben.
Das Wetter war uns also wohl gesonnen, denn sonst
hätten wir Quimper wohl rechts liegen gelassen. Um nichts hätten
wir z. B. den Straßenhändler mit seinen Zaubertricks verpassen
wollen, der sein (auch zahlreich mit deutschen Gästen durchsetztes)
Publikum auffordert hier oder dort zu pusten ("Pusten, nicht blasen!" -
Jemand muss ihm von der Doppelbedeutung des deutschen Wortes erzählt
haben. :)
Moules et Frites (Muscheln und Fritten) sind
der angesagte Snack. Die Muscheln gibt es mit Sahne-, Wein- oder Tomatensauce.
Alles sollte man mal versucht haben.
Ende Juli geht die Sonne, die sich abends endlich
wieder sehen lässt, in Quimper erst gegen 22:00 Uhr unter. Der Abend
ist lang und die Behelfsquartiere, die wir aufgetan haben, locken ohnehin
nicht.
Finistère

Route:
Quimper - Pont L'Abbé - Penmarc'h - Plovan - Plozevet - Audierne
- Pointe Du Raz - Douarnenez - Plomodiern - Menez Hom - Crozon - Camaret-Sur-Mer
(ca. 180 km)
Der nächste Morgen bietet mal wieder Nebel.
So erleben wir das Nebelhorn des Phare d'Eckmühl in Penmarc'h in voller
Aktion. Es ist selbst beim Frühstück im Hafen von Plozevet noch
gut zu hören.
Inzwischen bemüht sich aber die Sonne, die
Wolken und den Nebel nach Kräften zu zerteilen. Wir sind auf dem Weg
zur Pointe du Raz, dem westlichsten Punkt der Bretagne. Mit dem Motorrad
kommt man bis zu einem Parkplatz, von dem aus man noch gut 1000m Fußweg
durch eine Heidelandschaft vor sich hat. Inzwischen hat man hier die Sünden
der Vergangenheit erkannt und beginnt große Teile der durch die Touristen
zertrampelten Heide aufzuforsten.
Entlang
der ausgewiesenen Wanderwege spaziert es sich aber mindestens genauso schön.
Hinter dem Kap kommt der Atlantik und dann Amerika. Der Mittags-Snack verlangt
dem Gast die Erkenntnis ab, dass da wo Touristen sind, diesen auch ordentlich
in die Tasche gegriffen wird. Und ich stelle fest, dass man hier bedenkenlos
den Schlüssel im Mopped stecken lassen darf. Glückliches Frankreich.
Zur Nachahmung empfehle ich es dennoch nicht.
Immer
weiter geht es entlang der schroffen Küste zum Menez Hom, der mit
330m ü.d.M. höchsten Erhebung in der Bretagne. Da schon wieder
schwarze Wolken aufziehen, ist es mit der Fernsicht nicht so weit her.
Wir lassen uns nicht einschüchtern und fahren noch zum Ende des nächsten
Kaps nach Camaret-Sur-Mer.
Camaret
ist ein altes Fischerdorf, das die Einkommensquelle seiner Vergangenheit
längst durch den Tourismus ersetzt hat. Wir haben aber nicht das Gefühl,
dass hier maßlos übertrieben wird.
In den Restaurants am Hafen bekommen wir natürlich
Fisch und der Wein schmeckt dazu hervorragend.
Auch die Wolken haben ihre Drohung nicht umgesetzt
und ein Spaziergang über die Hafenpromenade beschließt den Tag.
L'Armorique
Route: Camaret-Sur-Mer - Le Faou - Sizun - Landivisiau
- Saint-Paul-de-Leon - Morlaix - Lannion - Paimpol - Saint-Brieuc - La
Couture (Erquy) (ca. 250 km)
Wir verlassen Camaret ungern aber früh,
denn der Tag verspricht recht warm zu werden. Zunächst besuchen wir
noch eine Dolmenanlage, die dort aber im 19. Jahrhundert getürkt wurde.
Ein kurzes Stück weiter findet sich ein Antlantikschlachtmuseum. Derlei
Zeugen der (aus deutscher Sicht) unrühmlichen Vergangenheit finden
sich überall an der Küste.
Nach der Überquerung der Hängebrücke
von Térénez geht es schnurstracks Richtung Norden.
Unser Ziel ist Saint-Pol-de-Leon, für dessen
mittelalterliche Altstadt mein Marco-Polo-Reiseführer wirbt. Mit Recht:
Ein Bummel durch die alten Gassen fordert reichlich Fotos.
Auch eine Besteigung der 77m hohen Chapelle du
Kreisker empfiehlt das Buch. Die kostet 5 FF für die Erhaltung der
Kirche. Außerdem kostet sie mich einige Überwindung, denn die
Mönche, die die Turmtreppe einst bauten und benutzten hatten mit Sicherheit
keinen Wohlstandsbauch. Runter ging's dann aber sehr viel leichter (seit
meinem Aufstieg ist der Durchmesser des Turms vermutlich ein paar cm größer).
Da es der einzige Zugang zum Turm ist, müssen sich auf- und absteigende
Gäste verständigen. Mitunter stellt man dabei fest, dass es in
dieser Gegend noch weitere deutsche Touristen gibt.
Auf dem weiteren Weg liegt Morlaix, das nicht
nur einen schönen Jachthafen, sondern auch ein 60m hohes Eisenbahnviadukt
als Sehenswürdigkeiten besitzt.
Wir fahren auf wenig spektakulären Straßen
in Richtung Osten. Tja, nun sind wir gewissermaßen schon wieder auf
dem Heimweg.
Bei Erquy finden wir ein hübsches Quartier.
Dort scheint man mit Gästen nicht so recht gerechnet zu haben, denn
die Jalousien der nach Westen gelegenen Zimmer waren offen und die Zimmer
sind von der Sonne gut geheizt.
Ein einfacher Salat und ein Liter Cidre beenden
diesen Tag.
Côtes
d'Armor
Route: La Couture - Frehel - Ploubalay - Dinard
- St. Malo - Cancale - Pontorson - Le Mont St. Michel - Ducey - Saint-Hilaire-Du-Harcouët
(ca. 150 km)
Heute sind wir zu Gast bei den Nachfahren des
"Kaperkapitän" Robert Surcouf. Karl-May-Leser erinnern sich vermutlich
an "den Flug des Falken". Zuvor überqueren wir das Gezeitenkraftwerk,
dessen Brücke Dinard mit St. Malo verbindet. St. Malo selbst empfängt
uns mit einer imposanten Stadtmauer. In einem Straßencafé
haben wir die Auswahl zwischen französischem, englischem und deutschem
Frühstück. Ratet mal, für welches wir uns entscheiden...
Der anschließende Verdauungsspaziergang
führt uns auf der Krone der Stadtmauer einmal um die mittelalterlich
belassene Altstadt und natürlich auch durch diese hindurch.
Von
St. Malo führt unser Weg nach Cancale, das uns als 'Austernhauptstadt'
der Bretagne empfohlen wurde. Es versteht sich fast von selbst, woraus
unser Mittags-Snack bestand. Eine Erfahrung, die man mal machen kann, aber
nicht wiederholen muss. "Langweilig" ist die diplomatische Formulierung,
die mir zum Geschmack der Austern einfällt.
Von Cancale ist die 150m über den Meeresspiegel
aufragende Kirchturmspitze der Abteikirche des Wallfahrtsortes "Le Mont
St. Michel" im Dunst bereits auszumachen. Je näher wir kommen, desto
imposanter wird der Anblick. Dort angekommen ist das Glück uns hold:
Die Flut kommt erst um 21:30 Uhr. Das ist wichtig zu wissen, denn die Parkplätze
werden dann überflutet. Für unseren ungeführten Rundgang
durch die Gebäude benötigen wir ca. 6,- € pro Nase und gut
zwei Stunden. Man kann sich aber getrost doppelt so lange dort tummeln,
ohne dass Langeweile aufkäme. Die Menschenmassen und der Touristen-Nepp
sind keine Erfindung der dritten Jahrtausends. Dort soll es bereits vor
500 Jahren genauso ausgesehen haben.
Unser Nachtquartier in Saint-Hilaire-Du-Harcouét
befindet sich bereits an der Grenze zur Normandie. Wir verabschieden uns
mit Bedauern von der Bretagne und ihrer abwechslungsreichen Landschaft.
In der Nacht werden unsere Vorurteile bezüglich
des gestörten Verhältnisses der französischen AutofahrerInnen
zu Straßen, Verkehrsregeln etc. auf schaurige Weise bestätigt,
als mitten in der Nacht ein Paar genau am Zebrastreifen vor dem Hotel über
den Haufen gefahren wird.
Erwähnte ich, dass französische Autofahrer
Einspurfahrzeuge für Freiwild halten? (Französiche Autofahrerinnen
hingegen interessieren sich überhaupt nicht für andere Verkehrsteilnehmer
und nehmen diese auch nicht wahr.) In jedem Fall empfehlen sich offene
Augen und Drehmoment in allen Lebenslagen!
Calvados
Route: Saint-Hilaire-Du-Harcouët - Villedieu-Les-Poeles
- Saint-Lo - Isigny-Sur-Mer - Vierville-Sur-Mer (Omaha Beach) - Bayeux
(ca. 150 km)
Die
Normandie - Schauplatz mörderischer Schlachten während der Invasion
im Sommer 1944. Davon zeugen auch allerlei kleinere und große Museen
im ganzen Land. Jenes bei Vierville-Sur-Mer nötigt dem Besucher nicht
mehr als eine knappe Stunde an Aufmerksamkeit ab. Das "Musée Mémorial
1944 Bataille de Normandie" in Bayeux hingegen verdient deutlich mehr Zeit.
Wie übrigens die ganze Stadt Bayeux, die
uns die prächtigste Kathedrale der ganzen Reise bietet. Der innere
Prunk beschränkt sich, wie bei fast allen französischen Kirchen,
auf die Fenster. Dafür haben die Baumeister und vor allem Bauherren
vergangener Zeiten vorzugsweise in die Größe der Gebäude
investiert. So verdienen auch die Kirchen kleinerer Städte durchaus
die Bezeichnung 'Kathedrale'. Notre Dame schließt die Pforten für
Besucher auch im Sommer bereits um 17:00 Uhr. Wer die Krypta mit den ausgeschmückten
Gräbern der Bischöfe sehen will, sollte sich sputen.
Abendessen gibt es in allen französischen
Restaurant ohnehin erst ab 19:00 Uhr. Noch befinden wir uns auf einem westlichen
Längengrad. Die Abende sind lang und laden zu einem Stadtbummel ein.
Die Altstadt ist voller Fachwerkhäuser und schmaler Gassen. Der Verkehr
ist langsam, aber nicht ungefährlich!
Durch
die Wüste
Route: Bayeux - Creully - Cabourg - Touques -
Lisieux - Pont Audemer - Yvetot - Neufchatel-En-Bray - Amiens - St. Quentin
(ca. 390 km)
Der Tag beginnt mit trübem Wetter und soll
der anstrengendste der ganzen Reise werden. Nicht wegen des Wetters - der
Abend belohnt uns sogar mit einem besonders sehenswerten Sonnenuntergang.
Stattdessen erwarten uns dichter Verkehr und schnurgerade Straßen.
Der Verkehr (Wohnwagen reiht sich an Wohnmobil)
drängt uns in Touques von der Straße nach Honfleur in Richtung
Süden. Bis nach Lisieux hätte der Ausflug nicht gehen sollen,
aber wenigstens sind die Straßen nicht allzu voll und laden zu beherztem
Öffnen der Drosselklappen ein. Gottlob erspähte das offene Auge
des Gesetzes nicht uns, sondern ein bedauernswertes Pärchen auf der
Gegenfahrbahn. Na gut, also gehen wir die Sache etwas ruhiger an.
Bei Caudebec-En-Caux geht es über eine Hängebrücke
mit fantastischer Aussicht. Die Landschaft wird hinter Yvetot wieder ärmer.
Amiens ist eine große Stadt, die wir besser gemieden hätten.
Immerhin wissen wir den Wegweiser "Autres Directions" jetzt zu würdigen.
Er bedeutet: "Fahren Sie nach Paris und schauen Sie dann, wie Sie Ihren
Zielort erreichen." Nach einiger Herumfragerei und Herumfahrerei finden
wir dann doch die Straße nach St. Quentin. Und bereuen es gleich
wieder. 50 km ohne eine einzige Kurve sind die Höchststrafe.
In St. Quentin übernachten wir billig in
einem automatischen Hotel. Das einzige Restaurant in Fußwegentfernung
schließt bereits um 21:30 Uhr, aber es strahlt den Charme einer HO-Gaststätte
aus und lädt ohnehin nicht zum Verweilen ein. Außerdem war der
Tag sehr anstrengend und wir sind müde.
Ardennen
Route: St. Quentin - Guise - Charleville-Mezières
- Vresse-Sur-Semois - Neufchateau - Bastogne - Clervaux - Prüm - Gerolstein
- Mayen - Mendig (ca. 400 km)
Endlich haben wir wieder die Aussicht auf kurvige
Bergstraßen, sofern man bereit ist die Ardennen als Berge zu bezeichnen.
Eine Erholung sind sie allemal. Bei Vresse überqueren wir die Grenze
nach Belgien und folgen dem zauberhaften Tal der dahinmäandernden
Semois. Alles ist saftig grün und kurviger als Pamela Anderson.
Belgien wirkt auch etwas ärmlich aber nicht
mehr so grau. Durch die Hügel geht es nach Luxembourg und bei Clervaux
zurück nach Deutschland. Wir verlassen die Ardennen und fahren über
die B410 durch die Eifel, vorbei am Nürburgring. Da wir Großstadtcowboys
kaum Hoffnung haben, die Nordschleife in weniger als 20 Minuten zu umrunden,
sparen wir uns den Ausflug. Stattdessen bemerken wir an der Qualität
der Straße, dass der Urlaub vorbei ist und die asphaltierten Feldwege,
die in Deutschland als Bundesstraßen ausgewiesen werden, wieder zur
Regel werden.
Bei Gerolstein lassen wir uns bei ca. 35°C
ein Eis schmecken. In der Schutzkleidung bringt das wenig und wir setzen
wieder auf Fahrtwind. Wir fahren noch bis Mendig, wo wir versehentlich
in einem rotlichtigen Etablissement nach Quartier fragen. Ein Gasthaus
mit deutscher Küche (ist ja mal was anderes) und reichlich Bier findet
sich aber am Ende einer ebenso aufregenden wie schönen Reise auch
für uns.